Wo "Schneller, weiter, höher" kein massgebendes Ziel ist

Die Integra ist ein Unternehmen mit sozialem Auftrag für Jugendliche und Erwachsene mit geistiger oder körperlicher Beeinträchtigung. Mit einer nachhaltigen Arbeits-Integration hat sich Integra nicht nur ein wirtschaftliches, sondern vielmehr menschliches Ziel auf die Fahne geschrieben.  Eigenständigkeit, Selbstwertgefühl und Vertrauen sind die treibenden Grössen dahinter. Dabei geht es bewusst nicht um „Schneller, weiter, höher“...


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Edith Müller, Leiterin Wäscherei bei Integra Freiamt, erklärt, warum Steigerungsformen und Superlative für die Integra keine massgebenden Ziele sind und wie sie dennoch grosse Erfolge feiert.

MAKK: Die Wäscherei der Integra war lange Zeit in einem Kellergeschoss untergebracht. Im Jahr 2016 durften Sie am neuen Standort in Wohlen in eines der grössten und modernsten Schweizer Zentren für Behinderte einziehen. Ein sprichwörtlicher Superlativ. Wie ist das Projekt zu Stande gekommen und was musste dabei speziell bedacht werden?

Edith Müller: Die Zusammenführung der verschiedenen Einheiten der Integra an einem gemeinsamen, kompakten Standort war die grundlegende Idee der Geschäftsleitung. Die Bewirtschaftung und Kommunikation zwischen den bis anhin geographisch verzettelten Gebäudestandorten war nicht optimal. Mit dem Zusammenzug wurde nicht nur dem Bedürfnis nach mehr Nähe, persönlichen Kontakten und besserer Kommunikation zwischen den Mitarbeitenden und Bewohnern, sondern auch dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit entsprochen. Die grösste Herausforderung dabei war, einen geeigneten Standort zu finden, welcher den Klienten und Bewohnern das Leben einfacher und schöner macht und gleichzeitig zumutbare Fusswege im Alltag ermöglicht. Die lange Planungsphase und Wartezeit auf den Umzug hat sich schlussendlich gelohnt und wir sind alle sehr glücklich mit dem neuen Zentrum. Auch meine anfänglichen Bedenken, dass meine sieben Wäscherei-Mitarbeitenden mit dem Wechsel und den neuen räumlichen Gegebenheiten nicht klarkommen könnten, haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Ganz im Gegenteil. Alle geniessen die schöne Aussicht aus den grossen Fenstern und die helle freundliche Atmosphäre. Und nicht nur das. Die Motivation und Mitarbeiterzufriedenheit hat sich merklich gesteigert, Krankheitstage ohne Absenzen haben wir in der Wäscherei praktisch keine. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

Sie haben die neue Wäscherei konzipiert, einen Teil davon gemeinsam mit MAKK. Die darin speziell definierten Arbeitsabläufe und auf behinderte Menschen ausgerichteten Produkte sollen eine Mitgestaltung der Bewohner in interne Arbeitsprozesse ermöglichen. Wie kann man sich diese Abläufe konkret vorstellen und worin bestehen die grössten Herausforderungen?

Die Neugestaltung der Wäscherei war eine grosse Chance für uns und ich habe diese Aufgabe, mit voller Unterstützung meiner Vorgesetzten, sehr genossen. Die engen, räumlichen Verhältnisse am alten Standort im Kellergeschoss haben weder unserem Hygienestandard entsprechen können noch waren sie ausgelegt auf unser Arbeitsvolumen von zwei Tonnen Wäsche pro Woche. Mit der sehr kompetenten Beratung und den Produkten von MAKK hatte ich die Möglichkeit mein Wäscherei-Konzept hinsichtlich individueller Bedürfnisse der beeinträchtigten Mitarbeitenden wie auch gemäss wirtschaftlicher Anforderungen in die Praxis umzusetzen. Das bedeutet konkret: Alle Transportmittel sind mit qualitativ hochwertigen Rollen versehen, so dass alle Mitarbeitenden damit problemlos arbeiten können. Tische und Behälter sind entsprechend der Höhe der Maschinen angepasst und sorgen so für ein rückenschonendes und ergonomisches Arbeiten, was für viele unserer Mitarbeitenden mit körperlichen Einschränkungen besonders wichtig ist. Mit einem Farb- und Beschriftungssystem sind die Abläufe im Wäschekreislauf vom Sammeln, Sortieren, Konfektionieren bis hin zum Rückverteilen klar gekennzeichnet und ermöglichen eine gute Orientierung und Sicherheit für die Mitarbeitenden. Dies wirkt sich direkt und sehr positiv auf die Motivation aus. Die grosszügige Raumaufteilung sorgt zusätzlich für bequemes, übersichtliches, hygienisches und sicheres Arbeiten mit klaren Strukturen. Die heutige Situation macht einfach nur Freude.


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Die Integra Freiamt verfügt heute über 300 geschützte Arbeitsplätze, 67 Wohnplätze, 176 Personalangehörige, dazu gehören auch ein Hotel und ein Altersheim. In welcher Art profitieren diese Menschen von der neuen Wäscherei und wie macht sich das im Alltag bemerkbar?

Für die Bewohner in den externen Wohngruppen hat sich die Anlieferung der sauberen Wäsche geändert. Diese war am gemeinsamen, alten Standort täglich möglich, durch den etwas längeren Weg jetzt nur noch jeden zweiten Tag. Dies war bisher aber noch nie ein problematisches Thema. Auf Grund der neuen Distanzen hat sich auch die Kommunikation etwas verlagert. Früher standen wir von der Wäscherei mehr mit den Bewohnern in Kontakt, heute sind es mehr die Mitarbeitenden und zentralen Einheiten im Hauptgebäude. Dadurch erleben wir den ganzen Betrieb unmittelbar und können vom persönlichen Austausch profitieren. Mit dem Wachstum der Integra in den letzten Jahren hat sich natürlich auch das Arbeitsvolumen der Wäscherei vergrössert. An den Spitzentagen Montag, Dienstag und Freitag verarbeiten wir – mit sieben bis zehn Personen – die Wäsche der Bewohner, des Altersheims, des Hotels und des hauseigenen Restaurants. Konkret sind dies zwei Tonnen Wäsche pro Woche. In diesen Stressphasen bin ich auf zusätzliche Unterstützung von qualifiziertem Berufs-Personal angewiesen, da nicht alle Arbeiten oder Prozesse unter so hohem Druck für die Mitarbeitenden zumutbar sind.

„Schneller, weiter, höher.“ sind in unserer modernen Gesellschaft gängige Indikatoren für eine wirtschaftliche Zielsetzung. Wie geht die Integra als produzierendes Wirtschaftsunternehmen damit um? Und was bedeutet dies für Ihre Bewohner und Mitarbeitenden?

Der gesellschaftliche Anspruch, dass immer alles schneller, besser und perfekter sein muss, hat für unsere Bewohner und Mitarbeitenden keine Bedeutung im eigentlichen Sinn. Dennoch muss die Integra als Unternehmen wirtschaftliche Ziele erfüllen, um rentabel zu sein. Dies ist ein nicht immer einfach zu bewältigender Spagat. Auf Grund des sehr hohen Arbeitsvolumens in der Wäscherei, insbesondere an den Stosstagen, erlauben wir uns deshalb, wenn nötig, auch Abstriche beim Perfektionsgrad in der internen Verarbeitung von Freizeitbekleidung unserer Bewohner. Das heisst, dass dann möglicherweise die Bügelfalte an der Hose nicht ganz gerade ist oder ein Saum auch mal einen Knick haben kann. Die Abstriche beziehen sich dabei ausschliesslich auf die äusserliche Perfektion, nie auf Hygiene und Sicherheit. Das wissen alle Beteiligten, Bewohner wie auch Mitarbeitende. Da muss man dann auch mal etwas gerade sein lassen, entsprechend der verfügbaren Ressourcen. Unsere Bewohner verstehen das und haben Verständnis dafür. Bei Menschen mit Beeinträchtigungen muss man da sehr flexibel sein und diesen Einschränkungen auch Platz geben können. Diese Toleranz wird bei uns in der Integra glücklicherweise bis in die Geschäftsleitung gelebt. Bei Hotellerie, Altersheim und Restaurant gibt’s hingegen keinen Spielraum für qualitative Abstriche, auch nicht was das Aussehen der Wäsche anbelangt. Da müssen wir die Prioritäten entsprechend setzen. Als produzierendes Wirtschaftsunternehmen mit ISO Zertifizierung sind wir unseren Kunden den hohen Qualitätsanspruch schuldig.

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Hygiene, Sicherheit, Ergonomie, Mitarbeiterzufriedenheit, Wirtschaftlichkeit. Woran messen Sie „Erfolg“ in Ihrer Wäscherei?

Produkte und Abläufe welche einen hohen Hygienestandard und gleichzeitig körperliche Entlastung ermöglichen, erhöhen die Motivation der Mitarbeitenden merklich. Ich höre sehr oft, dass sie gerne zur Arbeit kommen. Krankheitstage und Arbeitsunfälle sind höchst selten bei uns in der Wäscherei. Das freut mich sehr und gibt mir die Bestätigung, dass sich der Aufwand einer Umgestaltung der Wäscherei mehr als nur wirtschaftlich gelohnt haben.

An der IFAS Gesundheitsmesse vom 23. - 26. Oktober 2018 ist MAKK mit einem Stand vertreten zum Thema „Raus aus der Grauzone. Wäschelogistik neu definiert.“. Was erwarten Sie als Leiterin einer Wäscherei unter diesem Motto?

Leider wird die Arbeit von Wäschereien sehr oft nicht wertgeschätzt. Es fehlt das Bewusstsein und die gesellschaftliche Anerkennung für die unzähligen Arbeitsschritte im gesamten Wäschekreislauf und die damit verbundenen Anstrengungen zu Gunsten von Hygiene und Sicherheit. Und diese kommt schlussendlich allen zu Gute. Insofern wünsche ich mir ein „Raus aus der Grauzone“ im Sinne einer Anerkennung, einer positiven Wahrnehmung und Wertschätzung unserer Arbeit.
Den Messestand von MAKK wünsche ich mir dementsprechend freundlich und farbenfroh. Er soll die Freude zeigen, welche wir täglich leben und leisten. Auf Spannendes und Überraschendes kann man sich dabei sicher freuen.

Welches sind Ihre persönlichen Prozesse und Erfolgserlebnisse, wenn Sie zu Hause die Wäsche machen?

Überhaupt keine! (lacht laut) Meine Waschmaschine befindet sich – wie so oft – im Keller, meine Produkte zu Hause fördern leider Rückenarbeit und damit schlechte Laune…

Was bedeutet „Schneller, weiter, höher“ für Sie persönlich und welches ist Ihre liebste Steigerungsform für Ihr Privat-Leben?

Es löst bei mir ein grosses Unbehagen aus, wenn ich mir vorstelle, wie sich der gesellschaftliche Perfektionswahn weiterentwickeln wird. Menschen mit Beeinträchtigungen werden dabei völlig vergessen, für die Schwächsten ist kein Platz vorhanden. Die starke Mediatisierung und der Drang zur stetigen Selbstoptimierung führen unweigerlich zu eingeschränkter Reflexionsfähigkeit, was das Ganze noch verschlimmert.
Meine persönliche Steigerungsform ist eigentlich keine, aber sie widerspiegelt die höchste Form von Lebensfreude, Loyalität und Zufriedenheit: „Man muss Menschen mögen“ kurz „4M“. Dies trifft für mich auf meinen beruflichen wie auch privaten Alltag zu und ist für mich die Basis eines respektvollen Zusammenlebens. Mit dieser einfachen „Formel“ vermag man überhaupt erst individuelle Ressourcen im Menschen zu mobilisieren.

Gibt es Momente, in denen Sie sich als Mensch in einer speziellen Form behindert fühl(t)en?

Oh ja! Ich fühle mich sogar sehr oft behindert. Ich würde mich selbst als stark „Bahnbillettbehindert“ bezeichnen (lacht). Ich habe es noch nie geschafft, an einem ÖV-Billett-Automaten das gewünschte Ticket zu lösen, schon gar nicht mehrmals dasselbe. Diese Automaten sind für mich wie ein rotes Tuch.

Die Integra ist ISO zertifiziert. Was bedeutet das ISO 9001 Zertifikat für den Alltag und die Entwicklung Ihres Unternehmens?

Das ISO Zertifikat bedeutet in erster Linie sehr viel Bürokratie und Dokumentation. Alle Abläufe müssen ganz genau definiert und protokolliert werden. In der Anfangsphase ist das ein grosser Aufwand, welcher sich jedoch mit der Zeit in sehr viele Vorteile wandelt. So werden Prozesse klarer und transparenter und bieten allen Beteiligten mehr Ordnung und Sicherheit. Für ein Unternehmen wie die Integra bringt dies intern sehr viele Vorteile im Arbeitsprozess und in der Kommunikation, als Qualitätsversprechen wirkt es zudem positiv auf die Wahrnehmung von aussen.

Ihre Vision für Integra?

Ich wünsche mir, dass unser Verständnis von Integration weiterhin auf allen Ebenen gelebt wird und die wirtschaftlichen Ziele einhergehen können mit dem Respekt vor menschlichen Ressourcen und Eigenheiten. Schneller, weiter, höher macht auch vor einem Unternehmen wie Integra nicht Halt. Dennoch hoffe ich, dass der Fokus auf der Kernkompetenz – der Mitwirkung und Integration von behinderten Menschen – bestehen bleibt und folglich auch weiterhin für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation daraus resultiert.
Meine ganz persönliche Vision ist hingegen ganz einfach: Ich möchte in der Integra pensioniert werden…

 

Kontakt:

Integra Freiamt
Stiftung für Behinderte im Freiamt
Allmendstrasse 4
5610 Wohlen
www.integrafreiamt.ch

 

 


Blog verfasst von Tina Cecconi-Cavka, 18.10.2018
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Topics: Wäschelogistik, Wäschesammler, Hygiene in der Wäschelogistik, Schnellerweiterhöher