Dr. Peter Staub spricht Klartext: «Digitalisierung darf niemanden kalt lassen!»

Ein erfolgreiches Bauprojekt bezieht den künftigen Lebensraum und Gebäudebetrieb von der Planung bis zur Umsetzung mit ein. Die frühzeitige Bedarfs- und Anforderungs-Analyse ist dabei entscheidend. Das bedeutet, rechtzeitig Chancen und Risiken sowie Trends und Technologien zu erkennen. Was bedeutet das für Immobilien, Bau und Gesellschaft?

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Für die Schweiz, welche die Immobilien- und Baubranche zu ihren wichtigsten Wirtschaftsbereichen zählt, ergibt sich dabei grosses Potenzial aus der Digitalisierung von Lebensräumen, Produkten und Prozessen. Die Optimierung von Abläufen, Steigerung von Wirtschaftlichkeit sowie mehr Komfort und Qualität für Mieter und Nutzer stehen hinsichtlich der Lebenszyklen von Immobilien im Zentrum.

Welches sind hierfür relevante Marktentwicklungen und konkrete Umsetzungsmöglichkeiten? Was bedeutet das für mich als Bauplaner, Betriebsleiter oder Nutzer? Wie verändert die Digitalisierung unsere privaten und öffentlichen Lebensräume? Dr. Peter Staub, CEO der Beratungsfirma pom+Consulting AG und Studiengangleiter des CAS Digital Real Estate an der Hochschule für Wirtschaft Zürich, verdeutlicht anhand konkreter Beispiele die Relevanz der Digitalisierung für unsere gebaute Umwelt und deren Bewirtschaftung.

MAKK: Die Immobilienbranche beschäftigt über 600‘000 Menschen – vom Bau über die Vermarktung, Bewirtschaftung und den Betrieb bis zur Umnutzung – und trägt wesentlich zur Schweizer Wirtschaftsleistung bei. Wie können wir uns die Entwicklung der Digitalisierung in diesen verschiedenen Bereichen vorstellen?

Dr. Peter Staub: Die Bau- und Immobilienwirtschaft ist nicht gerade geprägt von grosser Innovationslust. So steht man in der grossen Masse der Digitalisierung auch noch sehr kritisch gegenüber. Das Bewusstsein, dass fundamentale Veränderungen stattfinden, ist in den letzten Jahren vor allem bei den grösseren Playern in den verschiedenen Teilbereichen des Lebenszyklus wie Investition, Portfolio- und Assetmanagement, Bau, Vermarktung, Bewirtschaftung und Facility Management erkannt worden. Im Gegensatz zu vielen KMU können sie auch personelle und finanzielle Mittel bereitstellen, um die digitale Transformation ihrer Geschäftsmodelle und Prozesse voranzutreiben. 

Am Digital Real Estate Summit werden jährlich die Digital Real Estate Top 10 ausgezeichnet (https://www.digitalrealestate.ch/digital-top-10). Die zunehmende Anzahl Bewerbungen – 2019 waren es knapp 50 Projekte – zeigt, dass der Digitalisierungsgrad stetig fortschreitet. Während digitale Plattformen und Portale wie beispielsweise newhome.ch, homegate.ch oder immoscout.ch schon seit vielen Jahren eingesetzt werden, sind bei den Top 10 auch alternative Energietechnologien und vor allem BIM weit verbreitete Technologien in der Schweizer Immobilienszene. Aber auch der Einsatz weiterer neuer digitaler Technologien nimmt laufend zu, insbesondere Robotik und Virtual Reality.

 
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Was bedeutet das konkret für die Anforderungen und Bedürfnisse von Baufachleuten, Bewirtschaftern oder Facility Managern?

Digitalisierung darf niemanden kalt lassen! Das beginnt bei der persönlichen Einstellung und der Führung. Ein Chef respektive eine Chefin, muss mit gutem Beispiel vorangehen und mit dem Team eine Digitalisierungsstrategie festlegen. Es gilt, zu überlegen, worauf sich die ersten Schritte konzentrieren müssen und wie man die Organisation dabei nach und nach mitziehen kann, wobei zu Beginn nicht eindeutig gesagt werden kann, wohin die Reise geht. Das ist eben auch Merkmal der neuen Welt – nicht alles ist planbar und beruht auf einem Konzept, welches genau umgesetzt wird. Man muss den Mut aufbringen, Erfahrungen zu machen, bspw. mit Pilotprojekten, und dabei zwischendurch auch Fehler zu machen. Für die Digitalisierung ist somit auch eine Veränderung der bisherigen, klassischen Unternehmenskultur zwingend nötig. Die fachlichen respektive technischen Herausforderungen sind dabei vergleichsweise geringer. Während BIM für alle beteiligten Rollen – vom Investor über Baufachleute, Vermarkter, Bewirtschafter und Facility Manager – von besonderer Bedeutung ist, gibt es andere Technologien, welche pro Teilbranche andere Relevanz haben. Sensorik beispielsweise hat für Facility Manager erste Priorität, während sich Investoren prioritär mit Big Data beschäftigen müssen.

In welcher Form werden diese Entwicklungen im Privat-Bereich für Mieter und Nutzer spürbar und wie im öffentlichen Sektor?

Bezüglich der Kundengruppe Mieter und Nutzer gibt es keine allzu markanten Unterschiede zwischen Gebäuden der öffentlichen oder privaten Hand. Fortschrittliche, professionelle Eigentümer oder Bewirtschafter stellen ihren potenziellen und effektiven Mietern heute verschiedene digitale Tools zur Verfügung. Das beginnt schon beim Interessentenmanagement einer Mieteinheit (z. B. eMonitor, flatfox) und geht über den ganzen Mieter-Life Cycle (z.B. Allthings, streamnow) mit dem Fokus der Optimierung der Kommunikation Mieter-Bewirtschafter.

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Wie schätzen Sie den Einfluss der Digitalisierung von Lebensräumen auf weiterführende Entwicklungen unserer Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft ein?

Ich erwarte massive Einwirkungen der Digitalisierung auf unser Leben. Obwohl man manchmal denkt, es ändert sich nicht viel, stellt man beim Zurückblicken fest, wie viel sich schon verändert hat. Ich sehe aber vor allem positive Entwicklungen, denn der Mensch gewinnt als Mensch an Bedeutung und nicht als Arbeitskraft für repetitive, automatisierbare Aufgaben. So wird sich der Beruf des Bewirtschafters in diese Richtung noch weiter entwickeln – die mühsamen administrative Aufgaben übernimmt eine Plattform, die persönliche Schnittstelle zum Mieter bleibt und gewinnt an Wertigkeit. Neben den viele positiven Einflüssen werden aber auch digitale Rückzugsräume an Bedeutung gewinnen, wo man vor allem vor der Überdosis der digitalen Kommunikation geschützt werden will – sozusagen im Sinne eines Digital Detox.

Nicht jedes Bauprojekt oder jeder Bereich für Unterhalt und Infrastruktur hat die gleichen finanziellen Möglichkeiten und Ressourcen, um alle Vorzüge der Digitalisierung zu geniessen. Was ist Ihre Empfehlung, um sich auch mit beschränkten Möglichkeiten fit zu machen für entsprechende Chancen und Risiken?

Bei der erwähnten Digitalisierungsstrategie geht es in erster Linie darum, Schwerpunkte festzulegen. Es ist heute fast nicht das Problem, dass es zu einer Fragestellung keine digitale Lösung gibt, sondern im Gegenteil: es gibt fast zu viele. Das heisst, es sind Schwerpunkte zu bilden, welche anhand von Pilotprojekten Erfahrung vermitteln. Es ist eine ähnliche Situation wie vor 30 Jahren, als das CAD auf den Markt kam. Viele kleine Unternehmen haben damals gesagt, es sei nicht zu gebrauchen, weil sie damit langsamer sind. Die Effizienz ist stetig massiv gestiegen und heute ist es undenkbar, ohne zu existieren. Dasselbe ist heute bei BIM zu beobachten: In der ersten Phase ist keine Effizienzsteigerung zu erwarten, stattdessen steht der Wille, dabei zu sein, im Vordergrund. Neben den individuellen Schritten braucht es aber auch zwingend Branchenlösungen und Plattformen, welche vor allem kleinen Unternehmen helfen, ihre Geschäftsmodelle und Prozesse zu digitalisieren.

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Was dürfen wir in den kommenden Jahren erwarten?

Ich bin fasziniert von der Innovationskraft junger Unternehmer, welche oft nicht aus der Branche stammen und mit ihren Start-ups die traditionelle Welt bereichern. Wenn auch nicht alle überleben oder zu einem Unicorn (Milliarden-Unternehmen) werden, sind sie die Treiber der Digitalisierung. Im Verband www.swissproptech.ch sind viele von ihnen engagiert und bündeln dort ihre Kräfte. Wir dürfen noch einiges von ihnen erwarten!


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Dr. Peter Staub

CEO pom+ Consulting AG
Dipl. Ing. ETH, EMBA HSG
MAS Digital Business
Leiter CAS Digital Real Estate HWZ
Tel. 079 416 96 29 
peter.staub@fh-hwz.ch

 


pom+ Consulting AG 
Technoparkstrasse 1

Technopark Zürich
8005 Zürich
Tel. 044 200 42 00
info@pom.ch

 

Topics: Architektur, Zusammen wachsen


Blog verfasst von Tina Cecconi-Cavka
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