«Die SBB ist ein Abbild der multikulturellen Schweiz»

So vielfältig die Schweiz in Kultur und Sprache zusammengewachsen ist, so vielfältig ist jeder Mensch auch im Einzelnen. Ein Verständnis dafür aufzubauen und im Team das entsprechende Entwicklungspotential auszuschöpfen, dafür engagiert sich Daniel Eigenmann, seit Januar 2019 Ombudsmann bei der SBB.

Peter Lehmann mit seinem Nachfolger Daniel Eigenmann (Ombudsmann SBB ab/seit Januar 2019)

Peter Lehmann mit seinem Nachfolger Daniel Eigenmann, Ombudsmann SBB seit Januar 2019 (von links nach rechts)

Für Daniel Eigenmann, Ombudsmann Personal, ist die SBB mit ihrer Vielfalt und Komplexität ein Abbild der multikulturellen Schweiz, welche aufgrund ihrer Diversität gemeinsame Verhaltensregeln, Werte und Visionen als gesellschaftliche und soziale Orientierung braucht. Und gerade deshalb fängt er in seiner täglichen Arbeit als Vermittler bei zwischenmenschlichen Konfliktsituationen immer wieder bei null an und lernt mit jeder Begegnung und Herausforderung ein Stück dazu. Nicht um zu wachsen, wie er sagt, vielmehr um sich und die SBB weiterzuentwickeln - in alle Richtungen.

MAKK: Sie sind seit 1. Januar 2019 neuer Ombudsmann für das Personal der SBB. Wie gehen Sie vor, um mit Ihrer neuen Position und Ihrer Zielgruppe, den Mitarbeitenden, zusammenzuwachsen?

Daniel Eigenmann: Zielgruppen sind einerseits das Unternehmen SBB respektive deren Vertreter, die Vorgesetzten, und andererseits die Mitarbeitenden. Vorgesetzte können in beiden Rollen in Erscheinung treten. Beide Parteien wissen, dass ich weder Vertreter der einen noch der anderen Partei bin. Sofern sich jemand dessen nicht bewusst ist, kläre ich das zu Beginn. So kann ich sicherstellen, dass ich bei der Analyse einer Konfliktsituation beide Seiten mit den gleichen Massstäben messen kann. Ich bin für alle niederschwellig und im vertraulichen Rahmen ansprechbar. Jeder und jede kann mit einer objektiven Beurteilung der vorgebrachten Punkte rechnen.

Was nehmen Sie von Ihrem langjährigen Vorgänger Peter Lehmann mit und was haben Sie in Ihrem persönlichen Rucksack an Erfahrungen, Rezepten und Hilfsmitteln dabei?

Peter Lehmann trat nie besserwisserisch auf. Für ihn begannen alle Fälle bei null. Er hat Fallanalysen sorgfältig gemacht und sich immer sehr klar und pointiert geäussert. Mit seiner mediativen Grundhaltung hat er auf Lösungen hingearbeitet, die für alle Parteien annehmbar waren.
Meine Erfahrungen kommen einerseits aus der Pädagogik, wo Geduld und rhythmische Wiederholungen ein wichtiges Thema sind. Dazu kommen 30 Jahre Führungserfahrung mit dem Verständnis für Geschäftsprozesse, analytische Fähigkeiten und dem Aufbau und Unterhalten von Netzwerken in Kombination mit über 30 Jahren HR-Erfahrung an der Schnittstelle Unternehmen - Mitarbeitende, im Veränderungsmanagement und Kulturentwicklungen. Und zuletzt aus der Ausbildung zum Mediator, in welcher ich mir die Methodenkompetenz für Konfliktlösungen angeeignet habe. In den letzten Jahren habe ich mich sehr intensiv mit Veränderungen und Konflikten auseinandergesetzt und dabei viele Erfahrungen sammeln dürfen.

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Sie wollen erreichen, dass Menschen aufeinander zugehen. Ist dies in einer so technisierten und digitalisierten Gesellschaft nicht eine utopische Vision?

Jede grosse Bewegung führt über kurz oder lang zu einer entsprechenden Gegenbewegung. Das wird auch bei einer zunehmenden Digitalisierung so sein. Der Mensch zeichnet sich durch seine Vielfalt aus, durch seine Unterschiedlichkeit. Der technische Fortschritt hat uns enorm geholfen, vieles im Leben erleichtert und verändert. Das Verlangen nach persönlicher Begegnung, nach Emotionen, nach gemeinsamen Erlebnissen ist zum Glück unverändert da. Die meisten Menschen fühlen sich wohl, wenn der Umgang mit Mitmenschen «stimmt». Das gilt im privaten Rahmen und bei der Arbeit. Leider «stimmt» es nicht überall. Hier sehe ich meinen Beitrag. Häufig haben die Unstimmigkeiten banale Gründe. Vielfach sind es fehlende oder unsorgfältige Kommunikation. Hier sind Sender und Empfänger gleichermassen in der Pflicht. Wenn Parteien aufeinander zugehen, zuhören und sich mitteilen, liegt die Lösung meist greifbar nah.

Die SBB ist mit rund 33 000 Mitarbeitenden aus verschiedensten Berufsfeldern ein komplexes Gebilde aus Fähigkeiten, Kommunikationsformen und Ansprüchen. Welche Herausforderungen bringt dies für Ihre Stelle als Ombudsmann mit sich?

Auch wenn bei den Themen Muster erkennbar sind, jeder Fall ist ein Einzelfall. Die involvierten Menschen haben unterschiedlichen Persönlichkeiten. Was bei einem Fall perfekt aufgeht, hilft bei anderen nur bedingt oder geht gar nicht. Ich muss mich jedes Mal von Grund auf mit dem Thema und den Beteiligten auseinandersetzen. Es lassen sich auch nicht alle Fälle auflösen. Rechtzeitig einen Schlusspunkt zu setzen, kann anspruchsvoll sein.

Als staatlicher Betrieb mit einem klaren gesellschaftlichen und gleichwohl wirtschaftlichen Auftrag hat die SBB verschiedensten Anspruchsgruppen. Wie lebt die SBB diesen Spagat in der Unternehmenskultur?

Die SBB ist ein Abbild der multikulturellen Schweiz. Um die wirtschaftlichen Ziele zu erreichen und gleichzeitig den so verschiedenartigen Menschen in der SBB aber auch Kunden, Lieferanten und überhaupt allen, die in irgendeiner Form mit der SBB in Berührung kommen gerecht zu werden, braucht es gemeinsame Verhaltensregeln. Viele aktive Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Stufen haben zum Beispiel an den gemeinsamen Werten und Führungsgrundsätzen mitgearbeitet. Es finden regelmässig Dialoge im Unternehmen statt. Dies passiert physisch, aber zunehmend auch mit Hilfe neuer Kommunikationstechnik. Weiterentwickelte Software bietet fast unendliche Möglichkeiten. Gleichzeitig heisst es hier: aufgepasst! Nicht alle können das Tempo der Veränderung mitgehen und es drohen manche auf der Strecke zu bleiben. Informationen erreichen nicht mehr alle oder können zu einer Überflutung führen. Die Herausforderungen für die SBB sind in diesem Bereich enorm. Die Anforderungen an die Mitarbeitenden steigen stetig. Die neuen technischen Möglichkeiten haben zunehmend Einfluss auf die Entwicklung der Unternehmenskultur. Das Unternehmen ist sich dessen sehr bewusst.

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Der gut funktionierende, stetig wachsende öffentliche Verkehr bringt Menschen weiter und ebenso näher zusammen. Wir bewegen uns oft gleichzeitig, jedoch nicht immer in dieselbe Richtung. Wie schafft man als Team die Weichen richtig zu stellen, den Fahrplan einzuhalten und zwischenmenschliche «Stosszeiten» zu managen?

Es gibt für mich zwei zentrale Elemente: Transparenz und Respekt. Wenn die Menschen verstehen, warum sie etwas tun müssen und was das Ergebnis ihres Tuns ist, werden sie auch schwierige oder mühsame Aufgaben eher angehen. Ich bin auch ein klarer Verfechter von Teamzielen und immer weniger von Einzelzielen. Wenn ein Team weiss, dass etwas Sinnvolles von ihm erwartet wird, ist es auch viel eher bereit eine Extrameile zu gehen. Fehlender Respekt erzeugt sofort Negativenergie. Damit ist es nicht möglich, ein positives Arbeitsklima zu erzeugen. Ein solches braucht es, um besondere Leistungen abrufen zu können. Und ein natürliches Dankeschön und echtes Lob nehmen alle gerne an.

Mit Ihrer jahrelangen Erfahrung im Personalwesen verfügen Sie bestimmt über eine volle Trickkiste für zwischenmenschliche Konfliktlösungen? Verraten Sie uns einige davon?

Hmmm, wenn es so einfach wäre… Es gibt keine Tricks. Aber es gibt Voraussetzungen, die eine Konfliktlösung wahrscheinlicher machen. Dazu gehören: (aus)reden lassen, zuhören und verstehen; den Dingen auf den Grund gehen, den Kern des Problems sichtbar machen; Anstand; in die Zukunft blicken und nicht in die Vergangenheit; nicht auf der Schuldfrage rumreiten sondern Lösungsansätze für die Zukunft gemeinsam definieren. Mein persönliches Motto ist: «Es gibt immer gute Gründe für schlechtes Verhalten». Erst wenn die Beteiligten das verstehen, können sie tragfähige Lösungen erarbeiten.

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Kosten optimieren, Effizienz steigern, Zeit sparen, ökologisch reisen sind die Kundenvorteile der SBB. Was sind die Vorteile für Ihre Mitarbeitenden?

Ein starkes Produkt, für welches es sich lohnt zu arbeiten. Eine Arbeitgeberin, die sich um ihre Mitarbeitenden kümmert und bspw. eine Ombudsstelle zur Verfügung stellt und diese auch weiterentwickelt. Faire Arbeitsbedingungen.

Die Schweiz ist ein Land von Reisenden. Wohin führt die Reise der SBB?

Die SBB sieht sich als wichtigen Teil einer Mobilitätskette und will auch in der Zukunft die Bedürfnisse ihrer Kunden erfüllen oder gar übertreffen können. Das funktioniert nur mit motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

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Was ist Ihr persönliches Wachstumsziel? Nach innen, oben, zur Seite oder nach vorne?

Ich spreche lieber von Entwicklungs- und weniger von Wachstumszielen. Entwickeln kann ich mich in alle Richtungen. Mir geht es um eine gesamtheitliche und weniger um eine spezifische Entwicklung. Mit jeder Begegnung, jeder Herausforderung, auch jedem Rückschlag lerne ich ein Stück mehr dazu. Gleichzeitig will ich mein Wissen, meine Erfahrungen weitergeben, damit auch andere davon profitieren können.

 

Kontakt:
Schweizerische Bundesbahnen SBB
Daniel Eigenmann, Ombudsmann Personal
Tel: 051 285 08 93
E-Mail: daniel.eigenmann@sbb.ch

 

Copyright Bilder: SBB


Blog verfasst von Tina Cecconi-Cavka, 31.01.2019
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