«​​BIM» in der Schweiz: Zweifelt die Branche immer noch?

Mit BIM (Building Information Modeling) erobert eine wegweisende Strategie für digitales Planen die Schweizer Baubranche. Dies zeigen unzählige Veranstaltungen und die Strategie «Digitale Schweiz» des Bundes. Es herrscht eine grosse Nachfrage nach BIM in Ausschreibungen und es werden hierzulande viele Projekte, kleine und grosse, umgesetzt und geplant.


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Zielgruppe von BIM sind Architekten, Ingenieure und Fachplaner ebenso wie Bauherren und Betreiber von Gebäuden. Was bedeutet die Digitalisierung für die Baubranche, was für potenzielle Bauherren und wo liegen die Herausforderungen dieser Entwicklung?

Birgitta Schock von Schockguyan Architekten und Mitglied des Steuerungsausschuss Bauen digital Schweiz erläutert in diesem Blogpost Gründe von Skeptikern und widerspricht diesen gleichzeitig mit reflektierenden Argumenten und Beispielen aus der Praxis.

BIM unterstützt die Durchgängigkeit von Daten, macht sie auf dem Computer lesbar und sammelt diese als sogenanntes «Single Source of Truth». Modelle werden heute oft zur Simulation, zur gemeinsamen Bearbeitung offener Fragen oder zur Kontrolle von Vorgaben genutzt. Jeder kann mit seiner eigenen Software arbeiten, solange er sich an die sogenannte openBIM Strategie hält. Halten sich alle Beteiligten an diese Vorgabe, kann die Zusammenarbeit effizient gestaltet und es können gemeinsame Messkriterien zur Verbesserung geschaffen werden. Die Anbindung und Verknüpfung von Produkt-Attributen sowie der Export von Daten für die Produktion wie auch die anschliessende Bewirtschaftung sind dadurch möglich und die Entwicklung der Anwendung schreitet rasant voran.

Virtual Reality, Augmented Reality und Artificial Intelligence – vor wenigen Monaten noch argwöhnisch belächelt – haben in der Bau- und Immobilienbranche rasant Einzug gehalten. Die Schweizer Nachrichtensendung «10 vor 10» berichtete Anfang September 2018 über Strategie und Anwendung von BIM. Die «papierlose» Baustelle ist Realität geworden. Was hingegen oft fehlt: Der menschliche Wille und das notwendige Verständnis für Zusammenarbeit und Nutzbarmachung dieser Angebote.

Unter dem Strich ein Zuwachs an Arbeitsplätzen

Der Mensch bleibt bei aller Geschwindigkeit der technologischen Möglichkeiten erst einmal Mensch. Wir wollen – als Architekten, Planer und Bauherren – verstehen, wieso wir diese Veränderung begrüssen sollen, welchen Mehrwert sie uns bringt. Wir wollen wissen, ob wir morgen noch einen Arbeitsplatz haben oder – bei aller Faszination gegenüber der Technologie – ob wir auf der Strecke bleiben. Eines gleich vorweg: Es werden Arbeitsplätze wegfallen und unsere Geschäftsmodelle werden sich verändern. Aber: Es werden mehr neue Arbeitsplätze geschaffen, als verloren gehen. Dies geht mitunter auch aus dem aktuellen Bericht des WEF hervor: http://www3.weforum.org/docs/WEF_Future_of_Jobs_2018.pdf.

Die Frage, was «ich als Mensch» brauche, um mich der digitalen Transformation gegenüber positiv einzustellen, ist folglich nicht nur eine Frage der Technologie, sondern vielmehr: Was muss ich persönlich investieren und welcher Veränderung muss ich mich stellen? Diese Fragen stellen sich Führungskräfte genauso wie Mitarbeitende, Besteller ebenso wie Planer oder Zulieferer, Entwickler genauso wie Betreiber und Bewirtschafter. Auf dem Markt wie in der Politik. Dieser «Change Prozess» ist erst gestartet und die Veränderungen werden weitreichender sein als die technologischen Herausforderungen. Die Schweiz ist hierbei keine Ausnahme. Andere Länder machen weltweit dieselben Erfahrungen.

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Verbände und Organisationen, wie buildingSMART International und deren Schweizer Chapter, bieten infolgedessen gemeinsam mit Bauen digital Schweiz Unterstützung an. Auf der Basis der «Best Practice» treffen sich hier unterschiedliche Stakeholder in spezifischen Gruppen und arbeiten an der Marktentwicklung und an konkreten Anwendungsfällen. Bauen digital, CRB, sia, IPB und KBOB haben sich seit bereits zwei Jahren in einem Netzwerk zusammengeschlossen, um ihren Kunden Unterstützung anbieten zu können. Niemand gewinnt das Spiel der digitalen Transformation alleine und niemand wird alleine gelassen. Ausser er will es so. Die Entscheidung ist also immer eine sehr persönliche und hat nichts mit der Grösse oder der Komplexität eines Auftrags zu tun. Es geht folglich darum, wie man in Zukunft arbeiten will und wie man sein Geld verdient. Dies war bei jeder der vorhergehenden «Revolutionen» so und auch in diesem Fall wird es Gewinner und Verlierer geben.


Spät gestartet, aber auf gutem Stand

Die Schweizer Bau- und Immobilienbranche hat ihre digitale Reise vor drei Jahren so richtig gestartet. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen sind wir heute oftmals bei den Marktführenden. Manchmal fehlen uns zwar Vorgaben oder Regeln. Wenn man sich hinter diesem «Fehlen» verstecken will, so kann man das auch weiterhin. Es gibt aber viele, die lassen sich nicht abhalten davon und führen auch mal eine Operation sozusagen am «lebenden» Patienten durch. Wir haben alles auf dem Tisch, was wir brauchen. Wir haben die Tools, wir haben ausreichend viele Anwendungsfälle. Nun müssen wir es wagen, diese zusammenzubringen. Ein Beispiel dafür sind die zahlreichen Projekteinreichungen für den arc Award BIM. In den Kategorien Kollaboration und Innovation können Schweizer Projekte eingereicht werden. Sind das immer noch die Ausnahmen? Nein.

«Hand in Hand»: Lean, BIM und Logistik

Überall werden Projekte mit BIM geplant und realisiert und Daten für das Bewirtschaften von Assets systematisch erfasst. BIM Tools unterstützen die unterschiedlichsten Anwendungen. Ein Beispiel aus unserer Firma Shockguyan Architekten: In Kombination mit Lean Construction und Logistik arbeiten wir als Teil des Generalplaner-Teams an einem Projekt, dem «B1», in Rotkreuz. Wir alle durchleben eine sehr intensive Zeit. Wir führen, unterstützt durch den Bauherrn, ebenfalls eine Operation am eben besagten «lebenden Patienten» durch. Die knappe Planungs- und Bauzeit, die nicht vorhandenen Lagerplätze für Material sowie eine einzige Zufahrt für alle Bauareale stressen das Projekt ungemein und bringen alle Beteiligte an ihr Limit. Das «Hand in Hand» arbeiten von Lean, BIM und Logistik erlaubt es uns, das Projekt «in time» seinem Nutzer 2019 zu übergeben. Jeder Arbeitsschritt und jede Materiallieferung wird erfasst und über das Modell auf Tagesbasis auf der Baustelle geführt. Nach 100% abgeschlossener Arbeit erfolgt eine Rückmeldung über das Scannen eines Codes ins Modell. Glauben Sie nicht? Dann schauen Sie sich dieses Video auf YouTube an: www.youtube.com/watch?v=LyUBp48KFJQ.

Visualisierung B1 Rotkreuz

Das Bauprojekt «B1» gehört zu dem nachhaltig, gemischt genutzten Quartier «Suurstoffi» in Rotkreuz. Es wird künftig Raum für rund 1500 Bewohner, bis zu 2000 Studierende und über 2500 Arbeitsplätze bieten. Auf demselben Bau-Areal arbeiten andere Teams ebenfalls mit BIM. Das Aglaya Hochhaus gewann 2017 den Schweizer arc Award BIM in der Kategorie Innovation. In der ganzen Schweiz wird aktiv mit BIM gearbeitet und es werden immer häufiger auch sehr innovative Lösungen damit erreicht. Falls Sie sich über die aktuellen Projekte in der Schweiz informieren möchten, finden Sie hier eine Auswahl dazu: www.arc-award.ch.

Nun die relevante Frage nochmal: Zweifelt die Branche immer noch? Nein – zweifeln Sie?

 

Links zu weiterführenden Informationen:

Kontakt:

Birgitta Schock, msc. Arch. ETH
Partner Schockguyan Architekten GmbH
Mitglied des Steuerungsausschusses «Bauen digital Schweiz“
Vorsitzende von «buildingSMART Switzerland“
Stv. Vorsitzende von «Netzwerk digital Schweiz»

Schockguyan Architekten GmbH
Gubelstrasse 37, 8050 Zürich
Tel.: 043 500 29 00
www.schockguyan.ch


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Bild 1: Visualisierung BIM-Prozess, Quelle/Copyright: Brigitta Schock
Bild 2: Lean Construction Management Prozesssitzung, Quelle/Copyright: Brigitta Schock
Bild 3: Visualisierung «B1», Quelle/Copyright: Zug Estates
Bild 4: «Arbo» Baustelle, Quelle/Copyright: Brigitta Schock

Topics: Alles in Ordnung, Building Information Modeling, Architektur


Blog verfasst von Birgitta Schock